Sprossenzucht – der Gemüsegarten für zuhause

Sprossenzucht Sprossenturm aus Ton und Plastik mit vielen bunten SprossenAls Reaktion auf meinen letzten Beitrag zu den Chia-Samen schrieb mir jemand, dass es auch viele einheimische Pflanzen gibt, die sich als Notvorrat und zur winterlichen Selbstversorgung eignen, und er hat natürlich vollkommen Recht. Deshalb möchte ich heute das Thema Sprossenzucht noch einmal näher aufgreifen und dabei auch interessante einheimische Samen und ihre Potentiale vorstellen. Denn wenn draußen wegen dicker Schneedecke oder frostigen Temperaturen nichts Grünes zu finden ist, kann man sich mit Sprossen gesundes Gemüse ganz einfach selbst züchten – zuhause und ohne großen Aufwand. Ein Gemüsegarten auf kleinstem Raum – sozusagen.

„Sprossenzucht? Warum denn das? “ wird sich jetzt mancher fragen. Es gibt doch Obst, Gemüse und sogar Schälchen mit Kresse zuhauf im Laden zu kaufen. Wieso sollte man sich also die Mühe machen, Sprossen selbst zu züchten? Ich für meinen Teil denke mir dann, warum eigentlich nicht? Wer weiß denn, wieviel Vitamine und Mineralien im Obst und Gemüse überhaupt noch enthalten sind, wenn sie in Substrat und unter künstlicher Beleuchtung in Gewächshäusern gewachsen, unreif geerntet, durch die halbe Welt transportiert und dann zur Haltbarmachung und Schädlingsbekämpfung noch bestrahlt, gespritzt und gewachst wurden? Ich nicht!

Aus einem Samen innerhalb weniger Tage ein vitales Pflänzchen zu ziehen, ist wirklich nicht schwer. Es braucht nicht viel mehr als etwas Wasser und ein wenig Aufmerksamkeit.

Das Vorgehen bei der Sprossenzucht ist eigentlich immer gleich:

  1. Samen mit Wasser in einer Schüssel für mehrere Stunden oder über Nacht einweichen
  2. Wasser abgießen und die gequollenen Samen in ein Gefäß geben, zum Beispiel in ein Schraubglas oder eine Sprossenschale
  3. täglich 1 bis 2x kurz unter Wasser spülen und abtropfen lassen.

Das dauert in der Regel weniger als 1 Minute pro Tag! Und nach 3 bis 5 Tagen kann man dann meistens schon ernten.

Sprossenzucht Rettich vom Samen zur Sprosse in vier Bildern

vom Samen zur Sprosse am Beispiel Rettich

Wenn der Samen im Wasser aufquillt, werden die in ihm enthaltenen Stoffe aktiviert, denn mit dem Keimprozess starten biologische Umwandlungsprozesse. So werden beispielsweise enthaltene Fette und Eiweiße leichter verdaulich, Mineralien und Spurenelemente wandeln sich für den Körper besser verwertbare Formen, der Vitamin- und Enzymgehalt steigt rapide an. So erhöht sich beispielsweise der Vitamin-C-Gehalt von gekeimtem Hafer innerhalb von 72 Stunden um 600 Prozent, sein Vitamin-E-Gehalt um 33 Prozent. Mungobohnen steigern ihren Gehalt an Vitamin B2 durch die Keimung um mehr als 500 Prozent.

Sprossenzucht Erbsengruen 10 Tage alt

Erbsengrün 10 Tage alt

Einige Sprossen sollen sogar in geringen Mengen das in der Pflanzenwelt sonst eher seltene Vitamin B12 enthalten, beispielsweise Weizen, Gerste, Alfalfa, Linsen, Kichererbsen, grüne Erbsen oder Sonnenblumenkerne. Letztere enthalten mit 7,2mg pro 100g auch sehr viel Eisen und übertrumpfen damit zahlreiche andere Lebensmittel.

Ein weiteres interessantes Phänomen des Keimprozesses ist die Veränderung des PH-Wertes. Während nahezu alle Samen, Nüsse und Hülsenfrüchte im trockenen Zustand eher säurelastig sind, wandeln sie sich durch das Keimen in ein basisches Lebensmittel. Die enthaltenen Mineralstoffe helfen dem Körper, ein ausgeglichenes Säure-Basen-Verhältnis zu schaffen und Körperspeicher wie Knochen und Zähne zu schonen. Da selbstgezogene Sprossen keine langen Transportwege und Lagerzeiten hinter sich haben, sondern sehr frisch auf den Teller kommen, enthalten sie zudem eine große Menge an Enzymen. Das sind Eiweißverbindungen, die dem Körper die Verdauung von Nährstoffen erleichtern, die Energiegewinnung regeln und an nahezu allen Prozessen im Körper beteiligt sind. Die Enzymdichte vieler Sprossen übertrifft jene von Früchten oder Gemüse um das hundertfache. Durch den Keimprozess werden die in den Samen enthaltenen Enzyme aktiviert und Antinährstoffe, wie z.B. die mineralstoffraubende Phytinsäure, abgebaut.

Einige besonders leicht zu ziehende Sprossen möchte ich im Folgenden vorstellen:

Sprossenzucht frisch gekeimter Weizen

Weizenkeime 1 Tag alt

Weizenkeimlinge kann man schon nach 2-3 Tagen essen, wenn die Wurzeln etwa so lang sind, wie das Korn selbst. Sie schmecken leicht süßlich und eignen sich als nussige Zutat beispielsweise im Müsli oder Essener Brot. Weizenkeime enthalten Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, nahezu alle Vitamine und Mineralien, über 80 Enzyme, verschiedene Antioxidantien und 17 Aminosäuren, darunter auch alle lebensnotwendigen Eiweißbausteine. Durch den Keimvorgang steigt innerhalb der ersten 3 Tage beispielsweise der Vitamin E-Gehalt um 300%, der von Vitamin C um 600% und der der verschiedenen B-Vitamine zwischen 20 und 1200%. Der Eiweißgehalt erhöht sich um 300% auf rund 12%, die enthaltene Stärke wird fast vollständig aufgespalten, also quasi vorverdaut. Weizenkeime wirken unter anderem antibakteriell, entzündungshemmend, antiviral, immunstärkend und antioxidativ. Man kann sie auch zu Weizengras weiterziehen, das ebenfalls vielfältige gesundheitsfördernde Wirkungen hat. Leider enthält Weizen auch das Klebereiweiß Gluten und ist deshalb für darauf sensibel reagierende Menschen nicht geeignet.

Sprossenzucht Alfalfasprossen

Alfalfasprossen – 5 Tage alt

Alfalfa-Sprossen sind eine der beliebtesten Keimsorten und wirklich einfach zu ziehen. Nach 3-5 Tagen sind sie zu kleinen grünen Pflänzchen herangewachsen und passen mit ihrem sehr milden Geschmack in Salate, direkt aufs Brot oder einfach als Deko. Weil die Samen sehr klein sind, sollte man sie in Keimbehältern mit feinen Löchern oder Sieben ziehen. Alfalfa ist nichts anderes als die auch bei uns heimische Klee-Art Luzerne. Sie enthalten unter anderem essentielle Öle, Antioxidantien, Bitterstoffe und die Co-Enzyme Q10 und PABA. Q10 wird eine hautstraffende und gesundheitsfördernde Wirkung nachgesagt. PABA soll bei der Verdauung helfen, die Darmgesundheit stärken und als Antioxidanz das Immunsystem unterstützen. Die in Alfalfa-Sprossen enthaltenen Saponine können überschüssiges Nahrungscholesterin binden und so helfen, Herz-/ Kreislauferkrankungen vorzubeugen. Das in den grünen Blatter enthaltene Chlorophyll wirkt blutreinigend und stärkend. Alfalfa-Sprossen enthalten viel Vitamin C, bedeutsame Mengen an Carotin (8000 IU/100g) und Vitamin K (965 µg/100g) sowie zahlreiche weitere Vitamine und Mineralstoffe. Das mit rund 34% vertretene Eiweiß gilt als vollwertig, da es alle essentiellen Aminosäuren enthält. Durch ihren Gehalt an östrogenähnlichen Photohormonen können Alfalfa-Sprossen zudem Frauen in den Wechseljahren oder mit PMS eine Unterstützung sein.

Sprossenzucht Radieschen 4 Tage

Radieschen 4 Tage alt

Radieschen oder Rettich-Sprossen sind ebenfalls sehr leicht zu ziehen. Nach 4-5 Tagen sind sie erntereif und schmecken würzig bis scharf. Sie sind besonders reich an Vitamin C und Folsäure und wie viele Kreuzblütler eine gute Quelle für die Vitamine A, B, E und K, Bei den Mineralien stechen besonders Jod, Kieselsäure und Schwefel hervor. Nicht nur durch letzteren wirken die Sprossen stark blutreinigend und unterstützen Leber, Nieren, Galle, Immunsystem und Gewichtskontrolle. Zudem enthalten sie Pflanzenhormone und Enzyme, die vorbeugend gegen Krebs wirken und damit die ausgewachsenen Pflanzen und die in dieser Hinsicht viel gerühmten Brokkoli-Sprossen bei weitem überragen sollen.

Sprossenzucht  Leinsamen 5 Tage

Leinsamen 5 Tage

Auch Linsen, Leinsamen, Erbsen oder Senfsamen sind für Anfänger gut geeignet. Und wenn einen erstmal die Lust am Sprossenzüchten gepackt hat, kann man viele weitere Sorten ausprobieren. Sprossentürme aus Ton, Glas oder Kunststoff bieten dafür eine sehr platzsparende Lösung, um viele Sprossen auf einmal zu ziehen. Die abgedeckten übereinander liegenden Schalen schützen die Keimlinge vor dem Austrocknen, durch Löcher im Boden kann überschüssiges Wasser in eine Auffangschale ablaufen.

Sprossentuerme aus Ton und Kunststoff

Sprossentürme aus Ton und Kunststoff

Nach mehrjährigem Sprossenzüchten bin ich seit einiger Zeit praktisch auf eine Mischkultur aus verschiedenen Systemen gekommen, um alle Vorteile nutzen zu können. Die Keimung bis zu den ersten Keimblättchen erfolgt bei mir im Ton-Sprossenturm. Er simuliert die Bedingungen, die der Samen in der Erde vorfindet. Hohe Luftfeuchtigkeit – denn der Ton speichert Wasser – und Dunkelheit. Sind die Keimlinge nach einigen Tagen groß genug, siedeln sie dann in einen Kunststoff-Turm über. Weil der durchsichtig ist, bekommen die Baby-Pflanzchen auf allen Etagen Licht, können so Chlorophyll bilden und wachsen innerhalb weniger Tage zu stattlichen Sprossen heran.

Keimsieb mit Basilikumsprossen

Keimsieb mit Basilikumsprossen

Man kann aber prinzipiell alles Mögliche zum Sprossenzüchten nehmen, auch Schalen mit Löchern Marke Eigenbau oder Schälchen mit Watte haben sich bei mir gut bewährt. Das Wasser muss nur gut ablaufen können. Professionelle Sprossengläser  – Gläser mit einem Siebdeckel – eignen sich für sehr große Samen, wie Erbsen, Kichererbsen oder Bohnen. Keimsiebe  – feine Metallgitter mit einer Ablaufschale drunter – sind hilfreich bei schleimbildenden Vertretern wie Kresse, Rucola, Basilikum oder Chia.

Bei den Sprossen-Samen gibt es eine riesige Auswahl. Von süß über würzig bis scharf ist alles möglich. Man kann spezielle Samentüten für die Sprossenzucht nehmen oder einfach Bio-Linsen, Bio-Leinsamen, Bio-Erbsen etc. ausprobieren. Bio deshalb, weil diese Samen nicht bestrahlt oder konserviert sind und deshalb besser keimen. Normale Samen für den Freilandanbau sollte man nicht nehmen, denn sie sind oft gebeizt. Die Ernte erfolgt je nach Gusto wenn die ersten Würzelchen sich zeigen (=Keime) oder wenn sich die Keimblätter entwickelt haben (=Sprossen). Selbst gezogen und frisch auf den Tisch, ohne Pestizide und Konservierungsstoffe, dafür voller Lebenskraft. Ich verspeise die Sprossen am liebsten ganz frisch auf dem Brot, im Salat oder als Deko. Einige Hülsenfrüchte müssen vor dem Verzehr kurz blachiert werden.

Probiert es doch einfach mal aus. Sprossenzucht ist wirklich ganz einfach.

Fröhliches Wildkräutern!
Der Wildkrautgarten


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