Pflanze des Monats: Die Brennnessel – verhasst und vergöttert

Brennnessel

Brennnessel – potente Heil- und Nahrungspflanze

Die Brennnessel ist wohl eine der wenigen Wildpflanzen, die wirklich jeder kennt. Die brennende Berührung der herzförmigen gezackten Blätter ist schlicht unvergesslich. So hatte sich wohl auch Plinius der Ältere an ihnen verbrannt, als er die Brennnessel schon in der Antike als „die am meisten verhasste Pflanze“ bezeichnete. Dennoch schrieb man zur selben Zeit bereits ganze Bücher über ihre Heilwirkungen und über die Jahrhunderte wurde die Brennnessel den Göttern geweiht und in Gedichten und Gemälden verehrt. Kräuterpfarrer Künzle fasste es treffend zusammen: „Hätte die Brennnessel keine Stacheln, wäre sie schon längst ausgerottet worden, so vielseitig sind ihre Tugenden!“

Wenn ich mich als Kind mal wieder an einer Brennnessel verbrannt hatte, dann rief immer irgendjemand der Umstehenden „Dann kriegste wenigstens kein Rheuma“. Auch wenn ich damals noch gar nicht wusste, was Rheuma überhaupt ist, so war es doch ein kleiner Trost, dass das unangenehme Brennen vielleicht auch etwas Gutes hatte. Doch das Jahrtausende alte Heilwissen um die Brennnessel hat sich zum Glück nicht nur in Kindersprüchen erhalten. Denn alles an der Brennnessel, von der Wurzel, über Stängel, Blätter und Blüte bis hin zum unscheinbaren Samen ist gesundheitsfördernd und heilkräftig.

Brennnessel

Frische Frühlingstriebe der Brennnessel

Kräuterfrau Maria Treben lobt die Brennnessel als die beste blutreinigende und blutbildende Pflanze. Sie ist reich an Vitaminen, Mineralien, pflanzlichen Hormone und nicht zuletzt am Enzym Sekretin, das zur Vermehrung der roten Blutkörperchen beiträgt. Diese Fülle an Inhaltsstoffen macht die Brennnessel ideal für entgiftende und belebende Frühjahrskuren. Treben empfiehlt im Frühjahr und Herbst je eine vierwöchige Kur mit Brennnessel-Tee. Morgens nüchtern eine halbe Stunde vor dem Frühstück eine Tasse und über den Tag verteilt schluckweise ein bis zwei weitere. Dieser Tee wirkt entzündungshemmend, entgiftend und entwässernd. Über längere Zeit genossen soll er gegen vielerlei Leiden von Niere, Galle, Milz, Blut, Gelenken und Verdauung helfen und sogar Allergien und Heuschnupfen lindern.

Auch als frischer Presssaft, Gemüse oder Salat beseitigt die Brennnessel schnell Niedergeschlagenheit, Übermüdung und Mangelzustände. Durch ihren hohen Eisengehalt kann sie bei Eisenmangel, Erschöpfung und Anämie schnelle Hilfe bringen. Sie wirkt immun stärkend, beugt Erkältungen vor, lindert Prostatabeschwerden und soll sogar Krebs vorbeugen. In Mischung mit anderen Kräutern soll sie laut Maria Treben sogar Leukämie ausheilen können. Mittlerweile wurde auch wissenschaftlich bestätigt, dass die Brennnessel eine positive Wirkung bei Diabetes hat. Sie senkt nachgewiesenermaßen den Blutzuckerspiegel.

Brennnessel

Ein Brennnessel-Meer

Der Spruch aus meiner Kindheit war ebenso richtig. Durch ihre entschlackende Wirkung ist die Brennnessel wirksam bei rheumatischen Erkrankungen. Neben der inneren Reinigung aktivieren Brennnesselbäder oder das Streifen der schmerzenden Gelenke mit frischen Pflanzen die Selbstheilung. Die zugegebenermaßen etwas unangenehme Behandlung mit den frischen Nesseln kann auch bei Gefäßverengungen, Ischiasschmerzen, Hexenschuss und Nervenentzündungen helfen.

Die selbst stark behaarte Pflanze wirkt übrigens auch gegen Haarausfall und Schuppen. Dafür werden klein geschnittene Brennnessel-Wurzeln in reinem Weinessig angesetzt, gut verschlossen und mehrere Wochen in die Sonne gestellt. Nach dem Abseihen kann dieser Brennnessel-Essig teelöffelweise eingenommen und als Haarwasser in die Kopfhaut einmassiert werden. Der römische Dichter Catull schrieb übrigens 57 n. Chr. ein Loblied auf die Brennnessel. Sie hatte ihn von einem tüchtigen Husten und Schnupfen geheilt. Die Germanen weihten sie als heilige Pflanze ihrem Vegetationsgott Donar. Auch Albrecht Dürer, einer der größten deutschen Maler, verewigte die Brennnessel auf einem seiner Gemälde und ließ sie in den Händen eines Engels gen Himmel steigen.

Die Himalaya-Völker verehren sie noch heute als heilige Pflanze. Dort spielt die Brennnessel eine wichtige Rolle in der Ernährung. Doch auch bei uns ist die uralte Gemüsepflanze zum Glück wieder öfter auf dem Teller zu finden, zum Beispiel als Brennnessel-Suppe im Feinschmecker-Restaurant.

Brennnessel

Brennnessel mit unscheinbaren Blütenständen

Die Blätter der Brennnessel enthalten hochwertiges Eiweiß und können auch wie Spinat oder als würziges Gemüse gegessen werden. Die Frühjahrstriebe waren früher wichtiger Bestandteil der Neun-Kräutersuppe. Der Geschmack der Pflanze ähnelt dem Spinat, ist aber aromatischer und würziger. Manchmal erinnert er ein wenig an feine Meeresfrüchte. Als aromatische Zutat zu Frischkäse oder Kräuterbutter, als Pesto oder Brotbelag sind die jungen Triebspitzen lecker. Größere Blätter passen gut in Reisgerichte und Strudelfüllungen oder färben Gnocchi- und Nudelteig. Wenn man die Brennnesseltriebe oder Blütenknospen etwa 3 Sekunden in heißes Wasser taucht, verlieren sie ihre Brennhaare und können dann auch roh im Salat gegessen werden. Ausgebacken in Pfannkuchen oder Bierteig eignen sich die Blätter als japanisch angehauchte Tempura-Vorspeise. Gekocht und in Salz eingelegt können sie als Milchgerinnungsmittel für die vegetarische Käseherstellung dienen.

Brennnessel

Brennnessel mit ölhaltigen Samennüsschen

Ab August geht die Kraft der Brennnessel in ihre nussigen Samen über. Sie galten aufgrund des hohen Eiweißgehalts früher als Kräftigungsmittel und sind heute bei Bushcraftern beliebt. Wie auch die Pflanze selbst sind die Samen reich an den Vitaminen A, C und E und an mineralischen Spurenelementen wie Eisen, Magnesium, Natrium, Kalium, Kieselsäure, Phospor und Calcium. Zudem enthalten sie 30% Öl, insbesondere die Linolsäure, eine essentielle Fettsäure, welche der Körper selbst nicht bilden kann, aber für viele Prozesse braucht. Die Samen erinnern ein wenig an Sesam und können auch ähnlich verwendet werden. Man kann aus ihnen ein Speiseöl pressen oder sie geröstet bzw. getrocknet als Brotbelag verwenden, in Frischkäse einrühren oder in Brot hineinbacken. Sie eignen sich auch zum Panieren von Fleisch und Fisch.

In mittelalterlichen Klöstern war der Genuss von Brennnesselsamen übrigens aus gutem Grund strikt verboten, denn die Samen können Liebesglut und Manneskraft anfeuern. Das altdeutsche Manuskript der Blumensprache empfiehlt denn auch dem, „der heiß brennende Liebe im Herzen fühlt, die sengenden Nesseln zu tragen“. Zudem sollen die kräftigenden Nüsschen fruchtbarkeitsfördernd sein und dabei helfen, nach erfolgreichem Liebesspiel die Wehen der Geburt zu lindern sowie die Milchbildung anzuregen. Der berühmte Kräuterkundige Wolf-Dieter Storl sieht die Brennnessel-Samen in ihrer anregenden und immun stärkenden Wirkung sogar dem asiatischen Ginseng ebenbürtig.

Auch dem Gärtner sollte die Brennnessel lieb und teuer sein, denn sie ist ein kraftvoller Helfer gegen Schädlinge und Pflanzenkrankheiten. Überall wo sie wächst, hinterlässt sie guten humusreichen Boden. Eine Jauche aus Brennnesseln stinkt zwar etwas, ist aber ein hervorragender natürlicher Stickstoffdünger. Zudem macht sie Nutzpflanzen widerstandfähiger gegen Pilz- und Schädlingsbefall. Sind Mehltau oder Stängelfäule schon auf dem Vormarsch, kann die Pflanzenbrühe die letzte Rettung sein.

Brennnessel-Jauche ist ganz einfach gemacht: Brennnesselpflanzen in ein Fass geben, Wasser drauf und zwei bis drei Wochen gären lassen, bis sie nicht mehr schäumt. In dieser Zeit all paar Tage mal umrühren. Verdünnt mit Wasser zum Düngen oder gegen Schädlinge nutzen.

Noch aus einem anderen Grund sollte jeder naturverbundene Gärtner den Brennnesseln einen Platz in seinem Garten reservieren. Die ausdauernden Pflanzen sind eine wichtige Futterquelle für die Raupen von rund 50 Schmetterlingsarten. Manche Arten sind zur Vermehrung sogar komplett auf die Brennnessel angewiesen. Einige der schönsten Schmetterlinge wie der rötliche kleine Fuchs, das Landkärtchen, das Tagpfauenauge und der prächtige Admiral werden sich für die Brennnesselecke farbenfroh bedanken. Und wenn man sich an der Urtica doch mal verbrennt, dann kann man sich ja freuen, dass man kein Rheuma kriegt. Gegen das lästige Brennen hilft außerdem rasch der Blättersaft von Ampfer, Gutem Heinrich oder Springkraut.

Zum Schluss möchte ich noch mal die berühmte Kräuterfrau Maria Treben zitieren, denn treffender lässt sich der Wert der Brennnessel nicht zusammenfassen: „Wüsste die Menschheit darum, wie heilkräftig sie ist, würde sie nichts als Brennnessel anbauen.“

Hier noch ein paar Rezepte zum Probieren.

Fröhliches Wildkräutern!
Der Wildkrautgarten

Brennnessel-Orangen-Salat
Zutaten:

  • 2 Handvoll Brennnesselblätter
  • 1 Orange

Für das Dressing:

  • Saft von einer Orange
  • 1 Prise Salz, etwas Pfeffer
  • 1 Teelöffel Jogurt

Zubereitung:
Brennnesselblätter von den Stielen zupfen, mit einem Nudelholz überrollen, dann waschen und in Streifen schneiden. Streifen in ein Sieb geben und mit kochendem Wasser überbrühen. Orange schälen und filetieren oder in Stückchen schneiden. Abgetropfte Brennnesselstreifen und Orangen in eine Schüssel geben. Zutaten für das Dressing in einer Extraschüssel verrühren und über den Salat geben. Mit bunten Blüten garnieren.

Rustikales Brennnessel-Giersch-Gemüse

Brennnessel-Giersch-Gemuese und Kraeuterfladen am Lagerfeuer

Brennnessel-Giersch-Gemüse und Kräuterfladen am Lagerfeuer

Zutaten:

  • 3 Handvoll Brennnessel-Spitzen
  • 1 Handvoll Gierschblätter+Stiele
  • 1 Zwiebel
  • 25g Schinkenwürfel
  • 1-4 Knoblauchzehen
  • 3 Esslöffel Schmand
  • Öl zum Anbraten
  • etwas Wasser, Salz, Pfeffer

Zubereitung:
Zwiebel und Knoblauch würfeln und mit den Schinkenwürfel in etwas Öl glasig dünsten. Brennnesseln und Giersch waschen, in Streifen schneiden und mit einem Schluck Wasser hinzugeben. Ca. 10 Minuten bei mittlerer Hitze köcheln lassen, ev. einen Schluck Wasser hinzugeben, damit es nicht anbrennt. Am Ende Schmand hinzugeben, mit Salz und Pfeffer abschmecken und mit ein paar Blüten garniert servieren. Dazu passt gut ein selbst gemachter Kräuterbrotfladen.

Stampfkartoffeln mit Brennnesseln
Zutaten:

  • 650 g Kartoffeln 1 Handvoll Brennnesselspitzen
  • 300 ml Milch
  • 20g Butter
  • Salz und Pfeffer zum Abschmecken

Zubereitung:
Kartoffeln schälen, in grobe Stücke schneiden und in Salzwasser ca. 20 Minuten kochen. Brennnesseln waschen und in Streifen schneiden, ca. 15 Minuten in der Milch köcheln lassen. Wenn die Kartoffeln weich sind, übriges Wasser abgießen und die Kartoffelstücke zerstampfen. Anschließend das Brennnessel-Milchgemisch und ein paar Butterflöckchen in die Kartoffelmasse einrühren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und heiß servieren.

 

Quellen:

  • Fleischhauer/Guthmann/Spiegelberger: Essbare Wildpflanzen
  • Dreyer, Eva-Maria: Essbare Wildpflanzen Europas
  • Fleischhauer, Steffen: Enzyklopädie der essbaren Wildpflanzen
  • Sackmann, Kai: Die Nahrung aus der Natur
  • Storl, Wolf-Dieter: Heilkräuter und Zauberpflanzen
  • Treben, Maria: Gesundheit aus der Apotheke Gottes
  • Willfort, Richard: Gesundheit durch Heilkräuter
  • Fleischhauer, Steffen: Wildpflanzensalat
  • www.chefkoch.de


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