Ausprobiert: Sprossenzucht

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Nasskaltes Wetter draußen, trockene Heizungsluft drinnen, schniefende Mitmenschen rundherum und kein Sonnenstrahl seit Wochen – kein Wunder, dass man im Winter besonders anfällig für Krankheiten ist.

Vitamine und Mineralien helfen dem Immunsystem fit zu bleiben. Wenn draußen wegen der dicken Schneedecke nichts Grünes zu finden ist, kann man sich die Fitmacher in Form von Sprossen ganz einfach selbst züchten – zuhause und ohne großen Aufwand.

„Sprossenzucht? Warum denn das? “ wird sich jetzt mancher fragen. Es gibt doch Obst, Gemüse und sogar Schälchen mit Kresse zuhauf im Laden zu kaufen. Wieso sollte man sich also die Mühe machen, Sprossen selbst zu züchten?

Ich für meinen Teil denke mir dann, warum eigentlich nicht? Wer weiß denn, wieviel Vitamine und Mineralien im Obst und Gemüse überhaupt noch enthalten sind, wenn sie in Substrat und unter künstlicher Beleuchtung in Gewächshäusern gewachsen, unreif geerntet, durch die halbe Welt transportiert und dann zur Haltbarmachung und Schädlingsbekämpfung noch bestrahlt, gespritzt und gewachst wurden? Ich nicht.

Aber wenn ich aus einem Samen innerhalb weniger Tage ein vitales Pflänzchen ziehe, dem ich nicht mehr als Wasser und ein wenig Aufmerksamkeit geben muss und es dann ganz frisch auf dem Brot oder im Salat verspeise, dann gibt mir das das gute Gefühl, zu wissen, was ich da esse. Selbst gezogen und frisch auf den Tisch, ohne Pestizide und Konservierungsstoffe, dafür voller Lebenskraft.

Leinsamen-Sprossen

Leinsamen-Sprossen – 5 Tage alt

Zahlreiche Studien geben mir recht: Keime und Sprossen enthalten beachtliche Mengen an Vitalstoffen. 100g Linsensprossen enthalten zum Beispiel mehr als doppelt soviel Vitamin C und dreieinhalb mal soviel B 1 wie die selbe Menge Kopfsalat. Eine 150 g Portion Linsensprossen deckt damit fast die Hälfte des Vitamin-C-Tagesbedarfs, die selbe Portion Kopfsalat gerade mal 20 Prozent. Das wußte man übrigens schon im ersten Weltkrieg, denn da standen gekeimte Linsen wegen ihres Vitamin-C-Reichtums auf dem Verpflegungsplan britischer Soldaten in Mesopotamien.

Ich habe von veganen Kommunen in Kanada gehört, die ihre komplette Vitaminversorgung im Winter über Sprossen sicherstellen.

Das Geheimnis liegt im Keimprozess

Pflanzensamen sind kleine Pakete voll von hochwertigen Proteinen, essentiellen Fettsäuren, Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen. Sie enthalten alles, was die sich entwicklende Pflanze zum Leben und Wachsen braucht. Wenn der Samen im Wasser aufquillt, werden diese Stoffe aktiviert. Mit dem Keimprozess starten biologische Umwandlungsprozesse, enthaltene Fette und Eiweiße werden leichter verdaulich, Mineralien und Spurenelemente werden in eine verwertbare Form gewandelt, der Vitamin- und Enzymgehalt steigt rapide an. So steigt beispielsweise der Vitamin-C-Gehalt von gekeimtem Hafer innerhalb von 72 Stunden um 600 Prozent, sein Vitamin–E-Gehalt um 33 Prozent. Wenn die Pflanze größer wird, nimmt der Gehalt übrigens wieder ab.

Alfalfa-Sprossen

Alfalfa-Sprossen – 2 Tage alt

Einfach mal ausprobieren

Mit der Sprossenzucht kann man einfach und ohne viele Hilfsmittel starten. Mehr als Samen, Wasser und ein Gefäß brauchen Sie für den Anfang nicht. Zum Testen eignen sich beispielsweise rote Bio-Linsen prima.

Das Vorgehen ist eigentlich immer das selbe:

  1. Samen mit Wasser in einer Schüssel für mehrere Stunden einweichen
  2. Wasser abgießen und die gequollenen Samen in ein Gefäß, zum Beispiel ein Schraubglas, geben.
  3. Morgens und abends kurz unter Wasser spülen und abtropfen lassen.

Bereits nach kurzer Zeit zeigen sich die ersten Keimlinge, nach wenigen Tagen können Sie die Sprossen ernten.

Platzsparende Zucht im Sprossenturm

Sprossenturm aus Ton

Sprossenturm aus Ton

Wenn einen erstmal die Lust am Sprossenzüchten gepackt hat, kann man viele verschiedene Sorten ausprobieren. Sprossentürme aus Ton, Glas oder Kunststoff bieten dafür eine sehr platzsparende Lösung, um viele Sprossen auf einmal zu ziehen.

Die abgedeckten übereinander liegenden Schalen schützen die Keimlinge vor dem Austrocknen. Durch Löcher im Boden kann überschüssiges Wasser in eine Auffangschale ablaufen. Wer will, kann sich ähnliche Konstruktionen auch aus Plastik-Verpackungsschalen natürlich auch selber bauen. Habe ich ausprobiert, funktioniert prima.

Nach mehrjährigen Sprossenzüchten bin ich jetzt praktisch auf eine Mischkultur aus verschiedenen Systemen gekommen, um alle Vorteile nutzen zu können. Die Keimung bis zu den ersten Keimblättchen erfolgt bei mir im Ton-Sprossenturm. Er simuliert die Bedingungen, die der Samen in der Erde vorfindet. Hohe Luftfeuchtigkeit – denn der Ton speichert Wasser – und Dunkelheit. Sind die Keimlinge groß genug, siedeln sie dann in einen Kunststoff-Turm über. Weil der durchsichtig ist, bekommen die Baby-Pflanzchen auf allen Etagen Licht, können so Chlorophyll bilden und wachsen innerhalb weniger Tage zu stattlichen Sprossen heran.

Riesige Geschmacksvielfalt

Bei den Sprossen-Samen gibt es eine riesige Auswahl. Von süß über würzig bis scharf ist alles möglich. Man kann spezielle Samentüten für die Sprossenzucht nehmen oder einfach Bio-Linsen, Bio-Leinsamen, Bio-Quinoa oder was auch immer ausprobieren. Bio deshalb, weil diese Samen nicht bestrahlt oder sonstwie konserviert sind und deshalb besser keimen. Nicht nehmen sollten sie normale Samen zum Freilandanbau, da diese oft gebeizt sind. Selbstverständlich können Sie auch selbstgesammelte Samen von Wildkräutern keimen lassen. Dann sollten Sie aber genau wissen, von welcher Pflanze die Samen stammen, damit Sie sich nichts giftiges heranziehen. Empfehlen kann ich hier beispielsweise die Samen von Vogelmiere und Knoblauchsrauke.

Wenn Sie wissen wollen, welche Sprosse wie schmeckt und welche Vitalstoffe sie enthält, dann werden Sie in zahlreichen Büchern und im Internet schnell fündig. Ansonsten – einfach ausprobieren, was Ihnen am besten schmeckt.

Chia-Sprossen - 4 Tage alt

Chia-Sprossen – 4 Tage alt

 

Viele gute Gründe für die Sprossenzucht

Zusammengefassend gibt es also eine Menge gute Gründe, Keime und Sprossen selbst zu ziehen:

  • es ist wirklich simpel
  • selbst gezüchtet Sprossen sind gesund
  • der Gehalt an Vitalstoffen ist extrem hoch
  • man weiß genau, was man da isst
  • frischer gehts nicht
  • die Geschmacksvielfalt ist riesig
  • Sprossen sehen toll aus auf dem Butterbrot oder im Salat
  • Sprossenzucht ist ein Stück Unabhängigkeit, sich seine Nahrung selbst zu ziehen
  • Sprossenzucht ist billig, denn die Samen sind sehr ergiebig
  • der Anbau ist sehr platzsparend, besonders wenn er in Sprossentürmen erfolgt
  • Sprossenzucht ist super für die Vorratshaltung, denn die Samen lassen sich gut lagern und sind lange haltbar
  • Sprossenzucht macht Spaß und kostet wenig Zeit

Probieren Sie es einfach mal aus, es ist wirklich faszinierend, dabei zuzusehen, wieviel Lebenskraft in den winzigen Samen steckt. Nicht nur für Kinder eine tolle Sache.

Welche Erfahrungen mit der Sprossenzucht haben Sie schon gemacht. Was sind Ihre Lieblingssorten und warum? Ich bin gespannt und freue mich auf Ihre Kommentare.

Fröhliches Wildkräutern!
Der Wildkrautgarten

 

Quellen:

  • Nöcker, Rose-Marie: Körner und Keime
  • Fink, Andrea: Sprossen und Keime

12 Gedanken zu „Ausprobiert: Sprossenzucht

  1. Michael

    Ein sehr schöner, gelungender Artikel. Über so detailierte Erfahrungen ließt man gerne 🙂

    Vom Selberbauen der Keimgeräte aus Plastikschalen würde ich persönlich abraten, diese sind nämlich meistens aus PE / PET und somit voll mit Weichmachern.
    Alternativ könnte man Lebensmitteldosen aus PP nehmen, aber das lohnt nicht wirklich… vor allem haben sie danach Löcher 😉

    Die Taktik mit den Wechsel vom Ton-Keimgerät zum Kunststoff-Keimgerät ist wirklich gut! Das ist ein schönes Argument, beide Geräte zu nutzen.

    Lieben Gruß,
    Michael

    PS: Den Namen aus dem Impressum zu streichen halte ich für keine so gute Idee. In der heutigen Zeit gibt es einfach zu viele abmahnfreudige Anwälte. Und da diese Domain unter deinem Namen läuft, ist es auch nicht sonderlich schwierig diesen heraus zu finden 😉

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    1. admin Beitragsautor

      Hey, mein erster Kommentar 🙂
      Danke für dein Lob für meinen Text. Die Sprossenzucht ist aber auch wirklich eine tolle Sache, von der ich gerne mehr Menschen begeistern möchte, weil es so einfach ist und soviel bringt. Mit den Weichmachern in den Verpackungen hast du recht, da versuche ich auch drauf zu achten. Ehrlich gesagt, habe ich in diesem Zusammenhang wirklich nicht dran gedacht. Mit dem Tipp wollte ich eher die Hemmschwelle, es einfach mal selbst zu versuchen, etwas senken und zeigen, dass man nicht unbedingt gekaufte „Technik“ zum Loslegen braucht. Also für Anfänger: Doch lieber das Schraubglas benutzen!

      Noch viel Spaß auf Wildkrautgarten.de 🙂

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      1. doris

        Hallo, sehr schöner und ausführlicher Beitrag.

        Ich habe einen einfachen Tipp um die Schalen wegen Dunkelheit nicht wechseln zu müssen.
        Ich gebe einfach nach dem Wässern die Samen in die Keimschale und lege für die Nachempfindung der Dunkelheit ein Geschirrtuch für einen Tag über das Gefäß. Das klappt wunderbar und die Sprossen werden dadurch kräftiger.

        Liebe Grüße
        Doris

        Antworten
  2. Christian E.

    Guter Bericht,

    ich selbst ziehe auch schon seit langer Zeit Sprossen.
    Selbst wenn ich mehrere Monate mit dem Fahrrad reise, habe ich immer
    ein paar Gläser voll mit lebendiger Nahrung dabei..

    Christian

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  3. AS-N

    Hallo,

    ein sehr schöner, ausführlicher Beitrag. Seit geraumer Zeit muss ich mich so natürlich wie möglich ernähren und bin immer auf der Suche nach geeigneten Möglichkeiten … nun werde ich mich doch auch mal dran machen die Sprossen selber zu ziehen.

    Vielen Dank!

    Anja

    Antworten
    1. Wildkrautgarten

      Hallo Anja,
      freut mich, dass ich dich inspirieren konnte. Ich wünsche viel Erfolg und Genuß bei der Sprossenzucht 🙂
      Liebe Grüße
      Mandy vom Wildkrautgarten

      Antworten
    1. Wildkrautgarten

      Hallo Beni, der Kunststoffturm besteht aus den Elementen mehrerer bioSnacky Sprossentürme. Diese sind in verschiedenen Läden und Onlineshops erhältlich. Hier z.B. ein Angebot bei Amazon: http://amzn.to/2p8FXlw

      Der Ton-Turm besteht aus den Elementen mehrerer Hawos Toni Sprossentürme. Dieser ist in verschiedenen Läden und Onlineshops erhältlich. Hier z.B. ein Angebot bei Amazon: http://amzn.to/2CIZmy5.

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  4. Berna

    hallo, super artikel. für mich totales neuland, aber ich werde die sprossenzucht nun definitiv ausprobieren. eine frage nur: sind dafür spezielle samen notwendig oder kann man auch die verwenden, die man zum säen im garten nimmt? bzw. kann ich z.b. die getrockneten mungobohnen, linsen, etc. nehmen, die ich nach einweichen zum kochen verwende? vielen dank, lg, aus wien, berna

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    1. Wildkrautgarten

      Hallo Berna,
      freut mich, dass ich dich für das Sprossenzüchten begeistern konnte. Wie im Text schon beschrieben, sollte man keine normalen Samen zum Freilandanbau nehmen, da diese oft gebeizt sind. Es gibt spezielle Samen direkt für die Sprossenzucht oder man kann auch die Linsen, Leinsamen, Mungobohnen, Erbsen … nehmen, die man zu kochen nimmt. Diese sollten jedoch am besten Bio sein. Bio deshalb, weil diese Samen nicht bestrahlt oder sonstwie konserviert sind und deshalb besser keimen. Ich persönlich keime am liebsten Rettich, Radischen und Alfalfa im Sprossenturm und Chia und Kresse auf feuchtem Küchenpapier. Viel Spaß beim Ausprobieren.

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  5. Wladimir Rozin

    Was ist mit dem aufkochen?
    Vor dem Verzehr..
    Ich weiss das einige Vitamine dadurch verloren gehen aber ist es nicht Wert bezüglich der baktus

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    1. Wildkrautgarten

      Hallo Wladimir,
      das kann man halten, wie man will. Ich esse meine Sprossen seit Jahren frisch und hatte noch nie Probleme.

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